ZuMUTung

Lina und Tom streiten sich mal wieder darum, wem die Schnipsel auf dem Boden gehören. Die Zweitklässler haben Bilder ausgeschnitten und aufgeklebt und bevor sie nun etwas anderes machen dürfen, müssen sie erst ihren Arbeitsplatz aufräumen: Auf dem Tisch und unter dem Tisch!
Manchmal schaffen sie es, sich zu einigen, oft aber muss ich vermitteln. „Immer muss ich aufräumen! Tom macht nie etwas!“, sagt Lina dann. Tom sagt nur: „Das sind nicht meine Schnipsel. Die liegen auf deiner Seite.“
Aufräumen ist für sie eine Zumutung. Sich zu einigen auch. Beim einen werden sofort Grenzen gezogen, beim anderen Grenzen ausgetestet.
Vielleicht ist es das ja: Bei Zumutungen geht es darum, Grenzen auszuloten. Wenn ich es so betrachte, erscheint mir das, was mir so alltäglich zugemutet wird, in einem anderen Licht. Dann stöhne ich nicht gleich: „Was für eine Zumutung!“ Dann frage ich: Was kann und will ich mir denn zumuten und was anderen? Wo sind meine Grenzen und wo die der anderen? Welche Grenzen kann ich vielleicht sogar erweitern? Und wie geht das so, dass es auch für die anderen in Ordnung ist?
Es bleibt eine Zumutung und damit unangenehm, aber so gedacht und gefragt, wird das Wörtchen „Mut“ in der ganzen Sache stärker.
Es braucht eben Mut, Grenzen zu erweitern oder gar zu verändern.
Es braucht aber genauso Mut sich einzugestehen: Da kann ich nicht mehr. Da ist einfach eine Grenze. Und Mut gehört ja zu diesen eigenartigen Dingen, die dann, wenn ich sie einsetze, nicht weniger, sondern mehr werden – jedenfalls solange ich nicht übermütig werde...
Wer mutig ist und merkt: das kann ich und das ist auch für die anderen in Ordnung, die wird es wieder versuchen und dann vielleicht sogar noch ein Stück mehr gewinnen.
Zumutungen als Mut-Akte, als Dinge, die dazu führen, dass am Ende mehr da ist als vorher. Mehr Mut, mehr Sicherheit, mehr Klarheit im eigenen Leben.
Dass Gott Mensch wurde, war auch so ein Mutakt.
Gott hat sich auf die Zumutungen unseres begrenzten Lebens eingelassen und dabei haben wir eine Menge gewonnen.
Immer wieder erzählen die Evangelien davon, wie Jesus Menschen Mut gemacht hat – ganz oft auch dadurch, dass er ihnen etwas zugemutet hat. Die Begegnung mit Jesus hat sie verändert, hat ihr Leben reicher gemacht.
Jesus selbst ist dabei auch an Grenzen gestoßen. Menschen, die sich nicht auf seine andere Art zu denken und zu leben einlassen wollten. Menschen, die in ihm eine Bedrohung gesehen haben, Menschen, die ihn und die Zumutung, die er darstellte, aus dem Weg schaffen wollten.
Scheinbar haben sie es geschafft. Aber nur scheinbar. Jesu Zumutungen wirken auch heute weiter. Immer wieder lassen sich Menschen von ihm ermutigen. Sein Mut war nicht tot zu kriegen. Gott ist nicht tot zu kriegen in dieser Welt. Er kommt immer wieder neu!
Mögen auch Sie in dieser Adventszeit Gottes mutmachendes Wirken spüren und viel gewinnen!
 Severine Plöse (Evangelisch in Ettenheim 20/1)
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