zeitweise

„Zeitweise war es im vergangenen Jahr recht einsam“, erzählt eine ältere Dame. „Sie wissen ja, die Nachbarskinder sind immer zu mir gekommen, und es war für mich wirklich schwer, dass das nicht mehr ging. Aber jetzt, jetzt kann ich dieser Familie endlich auch etwas zurück geben.“
Immer mal wieder hatte sie mir davon erzählt, wie sie die Kinder vermisst, aber auch mit leisem Glück von den Bildern, die sie ihr gemalt haben. Sie war auch dankbar, dass „die junge Mutter“ für sie einkauft, überhaupt, dass diese Familie und auch andere für sie und ihre Generation auf so vieles verzichtete.
„Und jetzt“, sagte sie, „jetzt, wo ich geimpft bin, kümmere ich mich viel um die Kinder. Es ist eine gute Weise, meine Zeit zu verbringen.“
Sie erzählt mir vom Backen mit der Kleinen, die einfach Zeit braucht, weil ihre Eltern in den letzten Monaten nicht so viel davon hatten und davon, wie sie mit dem Großen liest, weil doch in der Schule im vergangenen Jahr so vieles zu kurz gekommen ist.
Natürlich sei sie auch froh, sich nun wieder unbeschwerter mit Bekannten zu treffen. „Die sind ja nun fast alle geimpft. Jetzt kann ich mit der ein oder anderen auch mal wieder einen Kaffee trinken. Es war - und ist noch - eine schwierige Zeit und wir haben viel verloren. Jetzt müssen wir das Miteinander wieder neu suchen.“
Das Miteinander wieder neu suchen – dieser Satz geht mir noch lange nach – auch die Weise, wie diese Frau mit ihrer Zeit umgeht. Es klingt richtig weise, was sie sagt und erinnert mich an den Prediger Salomo, der davon spricht, dass alles seine Zeit hat.
Diese Frau wünscht sich nicht einfach „ihr altes Leben zurück“. Sie weiß, es hilft nichts, der Zeit nachzutrauern, die vorbei ist, womöglich sogar an Altem festzuhalten, was nicht wiederkommen wird. Sie ist nicht rückwärtsgewandt – sie blickt nach vorn. Sie sucht eine Zukunft – für sich, natürlich. Doch sie weiß auch, dass das nur geht, wenn auch die anderen eine Zukunft haben. Ihr ist klar: letztlich geht es nur miteinander.
Das Verhalten jedes einzelnen kann große Auswirkungen auf das Leben anderer haben – das ist im letzten Jahr sehr deutlich geworden. Auch, dass wir aufeinander angewiesen sind - in dem, was wir tun, aber auch in dem, was wir lassen.
Und da war es zeitweise eben solidarisch, einen Teil unseres Miteinanders zu lassen. Nun aber wird es Zeit, dass wir unser Miteinander neu suchen. Noch immer sind viele Einschränkungen nötig, aber doch wird die Frage drängender: Wie sieht so ein Miteinander aus? Wie kann es gut gelingen?
Es wird ein Suchen sein, in der Tat. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst machen. In der Tat kann es da helfen, sich zu fragen: Wie kann ich meine Zeit weise verbringen? Auf welche Weise ich meine Zeit verbringen will?
Ich stelle mir vor: So hat die pfingstliche Geistkraft viel Raum zu wehen und es kann eine neue Zeit werden.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2021/3