Es wird Zeit, mal wieder eine Lanze für die Erzähler dieser Welt zu brechen. Für die Ottfried Preußlers, die J.K. Rowlings, die Rafik Schamis und auch für den Evangelisten Lukas.
Sie sind nicht wirklich zeitgemäß, diese Erzähler, denn sie stellen das, was sie zu sagen haben, nicht in Tabellen dar, zeichnen keine Kurven oder Diagramme. Auch würden die wenigsten Erzählungen einen Faktencheck bei „hart aber fair“ bestehen.
Doch auch wenn Tabellen und Kurven die Nachrichten der letzten Monate beherrschen: Wie es wirklich ist, wissen wir eigentlich immer noch nicht. Wir mussten feststellen: Auch Fakten und Statistiken sind letztlich nur Hinweise auf das, was geschieht. Auch sie sind nur Abbilder der Wirklichkeit – nie aber die Wirklichkeit selbst.
Während Statistiker in solchen Fällen versuchen, ihre Datenlage zu verbessern und ihre Auswertungsmethoden zu optimieren, um der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen, drehen Erzähler den Spieß einfach um. Sie haben erst gar nicht den Anspruch, das objektiv Richtige zu erfassen – das müssen sie ja auch nicht. Sie erzählen einfach, wie sie es sehen, oder wie es sein könnte.
Sicher ist das nicht richtiger als die Versuche der Mathematiker, aber vielleicht auch nicht weniger richtig. Vor allem aber eröffnet es eine andere Sicht, bringt Dinge mit hinein, die ich mit Zahlen nicht erfassen kann und die deshalb auch gerne mal unter den Tisch fallen.
So hat auch der Evangelist Lukas nicht den Anspruch, die Geschichten von Jesus nun endlich richtig aufzuschreiben.
Er weiß, dass es schon andere Evangelien gibt. Er macht schon auch deutlich, dass er gründliche Nachforschungen betrieben hat, aber das muss auch jeder gute Erzähler. Lukas will alles in guter Ordnung erzählen und vor allem so, dass sein Freund Theophilus die Zuverlässigkeit der Lehre erfährt. So schreibt er es ganz am Anfang seines Evangeliums.
Am Ende des Evangeliums stehen natürlich die Ostergeschichten. Die Frauen am Grab, Petrus am Grab, die Begegnung mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, Jesus, der allen Jüngern erscheint und schließlich seine Himmelfahrt.
Immer ist Jesus gleichzeitig ganz leiblich und ganz anders. Er isst und trinkt und spricht mit ihnen, ist auf einmal da und genauso plötzlich auch wieder weg. Man kann ihn berühren, kann sich berühren lassen, kann seine Nähe erfahren, aber er ist nicht fassbar und was geschieht, ist schwer zu begreifen.
Zwei Männer in glänzenden Kleidern – wir würden wohl von Engeln sprechen - begegnen den Frauen am Grab. Und ich finde, sie treffen die Sache im Kern. „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24,5), sagen sie. Was geschehen ist, passt nicht in unsere Vorstellungswelt. Ein Toter gehört ins Totenreich. Ein Lebender auf diese Erde. Nun geschieht beides gleichzeitig: Tod und Leben. Und für uns Menschen ist die gewohnte Ordnung durcheinander gebracht.
Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten. Wenn wir nur den Tod im Fokus haben, hilft uns das nicht zum Leben. Leben können wir letztlich nur, wenn wir uns vom Tod nicht verstören lassen und auch in ihm das Leben entdecken.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2021/2
