Weihnachten ist für mich seit ich mich erinnern kann Musik.
Irgendwann am Heiligen Abend meiner Kindheit - nachdem alle satt und die Geschenke ausgepackt waren - fand meine Großmutter, man könnte nun noch gemeinsam Weihnachtslieder singen.
Sie stimmte Lieder wie „Kling Glöckchen“, „O Tannenbaum“ und „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“ an und alle fielen in den Gesang ein.
Besonders schön klang es vermutlich schon damals nicht, aber das war allen egal. Meine Mutter sagte – wohl um sich Mut zu machen – immer wieder: „Wir können eben zu zehnt zwölfstimmig singen.“ Auch wenn es nicht besonders schön klang: Schön war es trotzdem - zumindest bei der ersten Strophe. Denn je mehr Strophen meine Urgroßtante, Tante Else, textsicher aus ihrem Gedächtnis hervorzauberte, desto betretener blickten alle anderen. Erst wurde noch kräftig mitgesummt, nach und nach aber verstummte einer nach dem anderen. Mein Großvater versuchte dann die Situation zu retten, indem er Liederbücher aus dem Wohnzimmerschrank kramte. Bis er welche gefunden hatte, war Tante Else zwar mit dem Lied fertig, aber nun war man gerüstet für das nächste Lied – allerdings nur, um festzustellen, dass nicht nur die Liederbücher verschieden waren, sondern in ihnen auch unterschiedliche Textversionen abgedruckt waren und Tante Else eben noch mehr Strophen kannte ...
Vielleicht habe ich deshalb lange nicht so richtig auf die Texte der Lieder geachtet. Es waren immer die Melodien, die mich bewegten, die ich versucht habe, mit Flöte oder Gitarre nachzuspielen, die ich – als Jugendliche bei den Weihnachtsmusicals und später im Chor – aus ganzem Herzen gesungen habe.
Durch Chor und Studium habe ich natürlich noch mehr Weihnachtslieder kennen gelernt. Seit meiner Konfirmandenzeit begleiten mich in der Advents- und Weihnachtszeit Bachs Weihnachtsoratorium und Händels Messias. So war es klar, dass wir während meiner Studienzeit in Leipzig am 1. Weihnachtsfeiertag den Gottesdienst in der Thomaskirche besuchten, und wenn die Pauken erklangen und die Thomaner „Jauchzet, frohlocket“ anstimmten, schlug mein Herz höher.
Auf die Texte aber achte ich eigentlich erst so richtig, seit ich selbst Gottesdienste verantworte. Da ist mir wichtig, dass die Texte der Lieder, die gesungen werden, auch zu den Texten passen, die gesprochen werden und umgekehrt.
Eine wunderbare Entdeckung waren da für mich die beiden Lieder von Paul Gerhard: „Fröhlich soll mein Herze springen“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. Sicher, manche der 12 bzw. 9 Strophen sind auch nur Kitsch oder für unsere heutigen Ohren ein wenig schräg. Aber es sind Lieder, die nicht an der Oberfläche bei den glänzenden Lichtern stehen bleiben. Beim Singen ahnt man die Tiefe des Glaubens des Liederdichters und die Weite seines Lebens. „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen.“
Diese Strophe von „Ich steh an Deiner Krippen hier“ birgt für mich eine beeindruckende Mischung aus Wohlklang und Ernsthaftigkeit. Berührender Wohlklang sowohl in der Melodie als auch der Worte. Ernsthaftigkeit, weil hier das Leben als Ganzes im Blick ist - auch der Tod gehört ganz selbstverständlich dazu. Der ist und bleibt auch für Paul Gerhard bedrohlich, aber für ihn ist auch klar: Gottes Licht, Leben, Freud und Wonne scheinen bis in diese Todesnacht hinein. Damit ist das weihnachtliche „Fürchte Dich nicht!“ geradezu spürbar.
Ach ja, Tante Else war 92 als sie starb. Einige Jahre zuvor hatten meine Mutter und ich die gängigen Lieder – mit möglichst vielen Strophen! - zu einem kleinen Heftchen zusammengestellt und für alle kopiert. Tante Else sang noch immer an manchen Stellen einen anderen Text, aber die anderen haben sich dank des Textes in der Hand nicht mehr beeindrucken lassen.
Seit einigen Jahren feiere ich Weihnachten wieder regelmäßig mit meiner Herkunftsfamilie – allerdings nicht am Heiligen Abend, sondern am 1. Feiertag. Nun spiele ich mit meinen Kindern Flöte und natürlich bin ich dafür zuständig, dass alle den Text zur Hand haben.
Ich werde ihn in diesem Jahr wohl vermissen, den zwölfstimmigen Klang, den wir auch zu zehnt hinbekommen.
Severine Plöse - veröffentlicht in der Badischen Zeitung am 24. Dezember 2020
