Wagemut

 
Als im März eine Absage nach der anderen kam, die Kinder Zuhause bleiben mussten, viele Geschäfte schlossen und die Straßen immer leerer wurden, hatte ich einen kurzen Moment das Gefühl: Das Leben steht still.
Aber der Moment war nur kurz – das Leben nahm weiter seinen Lauf und vieles wurde deutlich aufwändiger als vorher.
Die Kinder wollten nicht nur im Tagesablauf unterstützt werden, sie brauchten dazu mehr Zuspruch, mehr Gespräch, mehr Bereitschaft sich mit ihnen auseinander zu setzen.
Nachrichten und Sondersendungen gab und gibt es viele aber, wer sich über mehr als Corona in Deutschland informieren will, muss das aktiv tun.
Beruflich ist nichts wie gewohnt – Verordnungen wollen gelesen und umgesetzt werden, neue Wege gefunden und ausprobiert.
Das Leben geht weiter, aber vieles ist von den Fragen geprägt: Was darf ich? Was will ich? Was braucht‘s?
„Zwischen Wagemut und Ängsten nimmt das Leben seinen Lauf.“
Diese Liedzeile von Eugen Eckert bringt für mich die Situation gut auf den Punkt.
Natürlich war das vorher auch schon so. Grundsätzlich hat sich da nichts verändert. Wie bei so vielem in den letzten Wochen ist einfach nur das, was ist, sichtbarer geworden und die Extreme, zwischen denen wir uns bewegen, haben sich verstärkt.
Da sind einfach mehr Ängste. Das Virus ist gefährlich – aber eben nicht immer und nicht für alle – und nach wie vor weiß keiner so ganz genau, was hilft. So braucht es eben mehr Wagemut, wenn ich trotzdem etwas mache. Zwischen beidem die Waage zu halten, ist schwer, und so werden manche von Angstattacken geplagt und andere randalieren.
So weit muss es ja nicht kommen, aber dieses ständige Ausbalancieren zwischen den Extremen macht das Leben gerade ganz schön anstrengend.
Dazu kommt: Noch mehr als sonst setze ich mich aus, wenn ich meine Meinung sage, wenn ich etwas tue, was andere nicht tun würden oder etwas nicht tue, was andere ganz selbstverständlich tun.
Aber vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht, denn im Grunde ist ja auch hier nur das stärker gefordert, was wir heutzutage – zumindest offiziell - sehr wichtig finden: Individualiät und Selbstbestimmung. Ich muss – immer wieder neu – für mich klären, was ich will und was für mich richtig ist.
Gerade bei diesem Thema ist für mich in den vergangenen Wochen aber auch noch mal deutlicher geworden: Jede/r muss das nicht nur für sich selbst klären, sondern dabei auch die anderen im Blick haben. Allgemeine Aufrufe zur Solidarität helfen da vielleicht kurzzeitig. Auf Dauer aber tragen sie wenig und können sogar ins Gegenteil umschlagen.
Denn die Menschen, mit denen ich solidarisch sein soll sind ja auch sehr unterschiedlich – individuell eben. Da gibt es höchst agile ältere Menschen, die selbst entscheiden können, ob sie sich zurückziehen oder weiter einkaufen gehen (Selbst deren Situationen sind sehr unterschiedlich!). Und es gibt andere, die auf Pflege angewiesen sind und diese Wahl nicht haben. Für manche Kinder und Jugendliche waren wochenlang die Eltern die einzigen nicht-virtuellen Ansprechpartner. Andere haben wenigstens Geschwister oder leben in größeren Gemeinschaften.
Ja, Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Das hat eine anstrengende Seite, weil es von uns abverlangt, dass wir uns in diesem Raum immer wieder neu orientieren müssen.
Es ist aber auch voller Möglichkeiten. Das Anstrengende anzunehmen und die Möglichkeiten zu sehen, dazu gehört eine Menge Mut und den wünsche ich uns allen.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2020/3c
 
Weite Räume
Weite Räume meinen Füßen,
Horizonte tun sich auf,
zwischen Wagemut und Ängsten
nimmt das Leben seinen Lauf.
 
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
 
Schritt ins Offne, Ort zum Atmen,
hinter uns die Sklaverei;
mit dem Risiko des Irrtums
machst du, Gott, uns Menschen frei.
 
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
 
Da sind Quellen, sind Ressourcen,
da ist Platz für Phantasie;
zwischen Chancen und Gefahren
Perspektiven wie noch nie.
 
Du stellst meine Füße auf weiten Raum
 
Doch bleib Kompass, bleibe Richtschnur,
dass wir nicht verloren gehn;
zu der Weite unsrer Räume
lass uns auch die Grenzen sehn.
 
Du stellst meine Füße auf weiten Raum
 
zu Psalm 31,9; Text: Eugen Eckert. Strube-Verlag, München
Aus dem Album "Einfach so", www.habakuk-musik.de