UnMUT

 
 
 
Nicht mutig
 

Die Mutigen wissen
Dass sie nicht auferstehen
Dass kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Dass sie nichts mehr erinnern
Niemandem wieder begegnen
Dass nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig

Marie Luise Kaschnitz,
Kein Zauberspruch.
Gedichte, Insel 1972.

Unmut macht sich gerade an vielen Stellen breit.
Den einen gehen die Öffnungen nicht schnell genug, weil sie endlich wieder in ihr altes Leben zurückkehren möchten. Den anderen gehen sie viel zu schnell – sie haben Angst um ihr Leben und das Leben ihrer Lieben. Da ist es schwer, einen guten, für alle tragbaren Weg zu finden. Was richtig ist, wissen wir einfach nicht. Wir können nur ausprobieren, mal ein paar Schritte in eine Richtung wagen, schauen, ob es so geht und sonst halt andere Wege ausprobieren.
Aber wussten wir denn sonst immer so genau, was richtig ist?
Wir hatten eine gewisse Erfahrung. Manches war eingespielt, hatte sich bewährt. Einiges konnte man auch absehen, vorausplanen – so einigermaßen jedenfalls.
Es ist gerade schon ein bisschen viel Neues auf einmal.
Aber wenn eh alles neu ist, könnte man ja auch einfach mal etwas grundsätzlicher nachdenken: War denn das, von dem wir dachten, dass es richtig ist, wirklich immer so richtig? Ist es nicht vielleicht etwas, was sich einfach nur mit der Zeit so entwickelt hat? - Unser Wirtschaftssystem, das ganz und gar auf Wachstum ausgerichtet ist; die Art, wie wir Urlaub machen; die Hektik, die viele im Alltag spüren; dass persönliche Freiheit oft mehr gilt als Gemeinschaft ...
Veränderungen können Angst machen, weil wir nicht wissen, was kommt. Jesus hat den Menschen zu seiner Zeit Mut gemacht, sich auf Veränderungen, die es eben gibt, einzulassen und sie mutig zu gestalten, ja, sie zu leben.
Als Jesus starb, waren seine Freunde zunächst mutlos und ratlos. Sie waren enttäuscht, hatten keine Idee, wie es ohne ihn weiter gehen sollte. Aber seine Gedanken, seine Ideen haben weiter getragen – auch über seinen Tod hinaus. Seinen Jüngern wurde klar: Gott ist stärker als der Tod - Jesus lebt! Diese Erfahrung hat ihnen neuen Mut gemacht und allen Worten Jesu und allem, was sie miteinander erlebt haben, noch mehr Kraft gegeben. Das hat die Jünger begeistert und von da an haben sie versucht, ihr eigenes Leben, ihre Mitwelt und alles, was sie so erlebt haben, im Licht dieser Erfahrung zu sehen und davon auch anderen zu erzählen. Das starke Gefühl, dass das Leben stärker ist als der Tod, hat sie selbst lebendig gemacht – auch in Situationen, bei denen sie nicht wussten, was noch kommt, wo sie Schmerzen oder Leid ertragen mussten, wo vielleicht sogar ihr Leben bedroht war.
Leben aus der Hoffnung auf Auferstehung. Das ist natürlich eine Hoffnung im Blick auf den Tod. Aber weil sie weiter reicht als das, was offensichtlich ist, ist diese Hoffnung auf die Auferstehung auch eine Hoffnung für unser Leben hier mitten in dieser Welt.
Vielleicht ist so ein Leben aus der Hoffnung auf Auferstehung nicht besonders mutig – so wie Marie-Luise Kaschnitz es in ihrem Gedicht „nicht mutig“ schreibt.
Womöglich aber ist diese Form von Un-Mut letztlich dann doch lebensdienlicher als all der Unmut, der sich gerade Luft macht. Vielleicht ist sie hilfreicher als der Unmut, der oft aus Angst und Frust gespeist wird und so einfach nur zerstört.
Dieser Un-Mut auf Auferstehungshoffnung weiß: Leben ist etwas Lebendiges und manchmal kann es notwendig sein, sich von Altem zu verabschieden. Und das fällt leichter, wenn ich darauf vertraue, dass es noch mehr gibt, als das, was offensichtlich ist. Es fällt leichter, wenn ich darauf vertraue, dass Gott das Leben will und auch immer wieder Neues für uns bereit hält.
Ein Satz Jesus aus dem Markusevangelium bringt das – wie ich finde - gut auf den Punkt. Dort heißt es: „Wer sein Leben retten will, der wird‘s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird‘s erhalten.“ (Markus 8,35).

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu haben am ersten Pfingstfest diesen Geist Gottes gespürt. Mögen auch Sie viel von dieser pfingstlichen Geistkraft Gottes spüren!

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