Heimatsuche

„Was? In der Bibel kommt der Wirt überhaupt nicht vor? - Aber das hat man uns doch immer so erzählt!“, beschweren sich Konfis jedes Jahr erneut, wenn wir gemeinsam die Weihnachtsgeschichten nach dem Lukas- und Matthäusevangelium lesen. Ich frage sie vorher, was sie so wissen und wir schauen dann, was davon wo in der Bibel steht – und was eben auch nicht. 
Im 2. Kapitel des Lukasevangeliums heißt es schlicht und einfach: „Sie legten das Kind in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“.
Aus diesem kurzen Satz hat sich die Tradition der Herbergssuche entwickelt, die selbstverständlich zum Krippenspiel dazu gehört. Das ist nicht, wie dann manche Konfis in einer ersten Reaktion sagen, „falsch“ oder „eine Lüge“. Es zeigt vielmehr, wie wichtig es für uns Menschen ist, ein Dach über dem Kopf zu haben. Und es führt uns vor Augen und hält in Erinnerung, dass es eben ein Skandal ist, dass viele Menschen auf dieser Welt kein Zuhause haben. Und noch mehr, dass Kin-der in unwirtlichen Verhältnissen leben müssen – sogar neugeborene, die nun wirklich nichts für irgendwelche politischen Auseinandersetzungen, für Kriege oder für wirtschaftliche Egoismen können. Eine Krippe, eine Teigschüssel, man weiß gar nicht so genau, was es eigentlich war, auf jeden Fall ein Provisorium – mehr Raum gibt es nicht für ein ungeborenes Kind. Es ist gut, dass uns das anrührt!
Menschen suchen ein Dach über dem Kopf, einen Ort, an dem sie sicher sind, an dem sie gut leben können. Menschen suchen Heimat. 
Mit seinem Evangelium und der Apostelgeschichte erzählt Lukas: Jesus, der Sohn Gottes, hat keine Heimat in dieser Welt und ist gleichzeitig überall zuhause. 
Wenn die Konfis entdecken: „Das steht gar nicht im Bibeltext“, dann sind manche so empört, dass ich das Gefühl habe, ich habe ihnen gesagt: Den Weihnachtsmann, den gibt es doch gar nicht. Sie sind dann furchtbar enttäuscht und ich habe einen Moment ein schlechtes Gewissen. Nehme ich ihnen eine kindliche Heimat, die ihnen doch Sicherheit und Geborgenheit gibt?
Natürlich ist auch diese Heimat wichtig. Es ist ein Schutzraum und solche Schutzräume brauchen wir Menschen. Gleichzeitig können wir nur verantwortlich in dieser Welt leben, wenn wir uns nicht von allen Geschichten, die so erzählt werden, täuschen lassen, wenn wir wissen: Geschichten werden nicht einfach so erzählt, weil sie schön sind. Es steht etwas dahinter: Ein Interesse, ein Wunsch, ein Traum.
Lukas erzählt davon, dass Gott überall auf der Welt zuhause ist, dass er den Mächtigen dieser Welt etwas entgegensetzt. Er macht unmissverständlich klar: Gott steht auf der Seite der Machtlosen und der Heimatlosen. Gott setzt sich ein für die, die nichts haben.
Gott, seine Frohe Botschaft ist überall auf der Welt zuhause und so auch diejenigen, die in dieser Botschaft leben und sie weiter tragen.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2023/1