Heimat los

Mit seiner Heimat kann man echt das große Los gezogen haben.
Man kann in so einer begnadeten Landschaft leben wie wir hier. Dazu noch in bester Lage - schnell im Schwarzwald und den Vogesen, aber auch nicht weit von Freiburg, Straßburg und Basel entfernt. Es gibt Wein vor der Haustür und Arbeit auch. Eine Heimat, in der so einiges los ist.
Die daheim können es einem allerdings auch ganz schön schwer machen. Wenn sie sehr klare Vorstellungen haben und man selbst da nicht so ganz hineinpasst, oder wenn man etwas verändern möchte, womit sich die anderen schwer tun. Dann hat man ein schweres Los. Jesus hat das in seiner Heimatstadt Nazareth erlebt und so ist es zum Sprichwort geworden, dass ein Prophet in seiner Heimatstadt nichts gilt (vgl. Mk 6,4). 
Kirche ist gerade dabei, sich sehr zu verändern. Noch weiß keine so ganz genau, wo es hingehen wird, und doch sagen viele: „Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte können und dürfen nicht an der Kirche vorbei gehen. Es braucht in der Kirche ein Umdenken.“ Andere wiederum sagen: „Kirche muss so bleiben, wie sie ist. Irgendeinen Halt braucht es doch im Leben!“ 
Ich glaube ja: Wir brauchen beides: Heimat und Aufbruch. Und im Grunde ist das ja auch eine ganz alte Kombination. Seit Menschen mit Gott zu tun haben, erleben sie sowohl Heimat als auch Heimatlosigkeit. Die Bibel ist jedenfalls voll von Geschichten, in denen Menschen voll Vertrauen aufbrechen und eine neue Heimat finden. 
Abraham vertraut Gottes Zu-sage und bricht aus seiner Heimat auf in ein unbekanntes Land. Mose befreit das Volk Israel aus Ägypten und führt es ins gelobte Land. Auf ihrem Weg begleitet sie Gott mit seiner Wolken- oder Feuersäule. Johannes, der Täufer, fordert die Menschen in seiner Zeit zum Umdenken auf (Tut Buße!). Gleichzeitig ruft er ihnen zu, dass sie darauf vertrauen sollen, dass Gott es gut mit ihnen meint (Glaubt an das Evangelium!). Jesus bringt Menschen zusammen, geht auf sie zu, feiert mit ihnen und warnt sie gleichzeitig davor, dass der Menschensohn keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann. Die Jünger müssen sich nach dem Tod Jesu neu aufmachen und haben dabei die Zusage Jesu im Gepäck: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Ich bin mir sicher, wir haben mit der Heimat Kirche das große Los gezogen. Und damit meine ich jetzt nicht die Institution Kirche. Die Institution ist wichtig und notwendig. Sie schafft einen Rahmen. Sie hilft uns, vieles zu ordnen und zu regeln. Ich glaube, wir haben das große Los gezogen, weil hier Menschen zusammen kommen, die auf Gott vertrauen. In ihm haben wir eine gemeinsame Grundlage. Eine Grundlage, die nicht wir selbst schaffen müssen – sie ist einfach da, weil Gott einfach da ist. Und auf dieser Grundlage können wir unser Leben aufbauen – sie gibt uns Halt und somit auch Heimat. Gleichzeitig ist es genau dieser Gott, der immer wieder Menschen ermutigt aufzubrechen und umzudenken. Gleichzeitig ist es gerade dieser Gott, dem Jesus zuruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Es ist der Gott, von dem Menschen sagen: Er hat den Tod überwunden und neues Leben gebracht. 
Es braucht beides, Heimat und Aufbruch – für unser Leben und für die Kirche.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2023/2