Heimat gefunden
Verlorene und gewonnene Heimat
Heimat ist Lebensort und Lebensart, der Ort, an dem man zu Hause ist und sich zu Hause fühlt. Heimat ist mehr als ein geographischer Ort und hat viel mit Gefühlen und Erinnerungen zu tun. Die besondere Bedeutung der Heimat wird gerade dann wichtig, wenn man nicht mehr in ihr lebt oder sie sogar verloren geht.
Meine Heimat ist ein kleines Dorf in Ostpreußen, in dem vielleicht 70 Einwohner lebten.
Ein Kolonialwaren-Kaufladen, siebzehn Höfe. Zur Schule gingen wir ca. 2 Kilometer zu Fuß in den Nachbarort. Ein Fahrrad besaß nur unser Vater. Er fuhr damit täglich 12 Kilometer zur Arbeit. Nach der Schule spielten wir Kinder am Sandberg, der einzigen Erhebung in der ganzen Gegend. Es war eigentlich nur ein Hügel, mit hohem Gras bewachsen, in dem es aber auch Schlangen gab (z.B. Kreuzotter u.a.).
Im Januar 1945, ich war gerade 10 Jahre alt geworden, mussten wir die Flucht über die Ostsee antreten. Zuerst bis Gotenhafen, und schließlich weiter mit dem Schiff nach Dänemark, wo wir mit unserer Familie für rund drei Jahre in einem Flüchtlingslager lebten. Meine erste Heimat habe ich also durch den verbrecherischen Krieg der Nazis für immer verloren.
Heimat kann auch ein Ort oder ein Raum sein, den man sich aktiv aneignet, durch Offenheit, neue Freundschaften und durch harte Arbeit. Im Jahr 1948, wenige Wochen vor der Währungsreform (= aus Reichsmark wurde DM) kamen wir nach Ettenheimweiler, Luftlinie ca. 1.120 Kilometer von der alten Heimat entfernt. Und nicht nur die geographische Entfernung zur Heimat war groß. Wir waren die Flüchtlinge, die Fremden, die aus dem Osten gekommen waren, Wohnraum brauchten, der sowieso schon knapp war, wie alles andere auch für die tägliche Versorgung. Man war nicht überall gerne gesehen.
Schon allein der Dialekt unterschied uns von den Einheimischen. Und dann waren wir auch noch evangelisch in dieser damals überwiegend katholisch geprägten Raumschaft. Aber wir hatten „unsere“ eigene Kirche, die evangelische Christuskirche in Ettenheim. Zu Fuß ging es daher am Sonntag von Ettenheimweiler übers Rebgelände und durch Hohlwege fast bis nach Altdorf zum Gottesdienst. In dieser Kirche wurde ich 1949 durch Pfarrer Kumpf aus Schmieheim konfirmiert. In den 60er-Jahren übernahmen meine Eltern den Kirchendienst.
Als Kind schließt man schnell Freundschaften, trotz allem, was anfangs fremd war. Und mit 14 Jahren trat ich meine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Stückle-Druck in Ettenheim an. Mit der Zeit „erobert“ man sich eine neue Heimat, in der man Freunde und Bekannte hat, in der man lebt und aufblüht durch den eigenen und den gesellschaftlichen Aufschwung. Für rund fünf Jahre war ich später als Kirchengemeinderat tätig.
Seit nunmehr 70 Jahren lebe ich in Ettenheim. Davon 60 Jahre mit meiner Frau, die aus dem Schwarzwald stammt und katholisch ist :-). Hier haben wir unser Haus gebaut und unsere vier Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. So ist mir Ettenheim zu meiner zweiten Heimat geworden.
Rudi Schwill
