Wer in Colmar das Musée d’Unterlinden besucht, will meist den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald sehen. Mit Bildern aus der Bibel und von Heiligen erzählt er vom christlichen Glauben. Ganz zentral sind dabei die Geburt Jesu, seine Kreuzigung und Auferstehung. Beeindruckend ist nicht nur die Größe der Altarbilder. Es beeindruckt auch, mit wie vielen Details Matthias Grünewald die einzelnen Szenen gezeichnet hat.
Bei der Darstellung der Kreuzigung Jesu sollten diese Details damals dem Betrachter helfen, sich in den Gekreuzigten hineinzuversetzen, seinen Qualen und seinem Leid nachzuspüren. Mel Gibson hat ganz ähnliches vor einigen Jahren mit seinem Film „Die Passion Christi“ versucht.
Der gekreuzigte Jesus des Isenheimer Altars ist dennoch auf sehr ungewöhnliche Weise gezeichnet. Sein ganzer Körper ist übersät von vielen winzigen Wunden und eigenwilligen Pfeilen. Die Finger sind – ganz verkrampft – nach oben gestreckt und der Körper ist in einem seltsam grün-gelblichen Farbton gemalt.
Dieser Jesus ist nicht nur von Folter und Kreuzigung gezeichnet. An ihm sind auch die Merkmale einer Mutterkornvergiftung zu sehen. Diese Krankheit, die auch Antoniusfeuer genannt wurde, war damals eine Art Volks-krankheit und wurde im Hospital des Antoniterklosters in Isenheim behandelt – also in dem Kloster, für das der Altar gebaut worden war.
Dieser Jesus ist nicht nur von Folter und Kreuzigung gezeichnet. An ihm sind auch die Merkmale einer Mutterkornvergiftung zu sehen. Diese Krankheit, die auch Antoniusfeuer genannt wurde, war damals eine Art Volks-krankheit und wurde im Hospital des Antoniterklosters in Isenheim behandelt – also in dem Kloster, für das der Altar gebaut worden war.
Wer das Bild von Jesu Kreuzigung anschaute, sollte nicht nur von dem unermesslichen Leid Jesu bei der Kreuzigung beeindruckt werden.
Wer vor diesem Altar betete und die furchtbaren Schmerzen dieser Krankheit aushalten musste, bekam durch das Altarbild geradewegs eine „Antwort“ auf sein Gebet. „Ich verstehe Dich!“, ruft es den Betenden entgegen. „Ich weiß, was Du durchmachst. Du bist gezeichnet – ich bin gezeichnet. Aber: Das ist nur eine Seite. Es geht weiter.“
Heute sieht man im Musée d’Unterlinden jedes Teil des ursprünglichen Altars zu jeder Zeit. Ursprünglich aber war der Isenheimer Altar eine Art Klapp-Altar – aufgebaut wie ein Schrank mit bemalten Türen. Das Bild der Kreuzigung war dann zu sehen, wenn der Altar ganz zugeklappt war. Die Kreuzigung ist also das, was man auf den ersten Blick sieht, quasi die Außenansicht.
Um mehr zu sehen, musste man den Altar aufklappen und schauen, was dahinter steckt.
Um mehr zu sehen, musste man den Altar aufklappen und schauen, was dahinter steckt.
Wurde der Altar geöffnet, sah man in der Mitte die Geburt Jesu. An den Innenseiten der aufgeklappten „Türen“ war auf der einen Seite die Auferstehung dargestellt. Auf der anderen Seite war zu sehen, wie der Engel Gabriel Maria ankündigt, dass sie ein Kind bekommen wird.
Dass wir an manchen Stellen vom Leben ganz schön gezeichnet sind, ist also nur der erste Blick, quasi die Außenansicht. Wer dahinter schaut, sieht mehr.
Wer dahinter schaut, sieht das Wunder des Lebens, das in jeder Geburt erfahrbar wird; Wer dahinter schaut, hört eine Menge frohe Botschaften und erlebt immer wieder wundersame Bewahrung – im Leben wie im Sterben.
Wie gut, dass Gott an so vielen Stellen seine Lebenskraft in unser Leben hineinzeichnet.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2022/02
