FREI Zeichen

„Wenn das Rote Meer grüne Welle hat“, haben wir auf einer Jugend-Freizeit gesungen. Damals fanden wir wohl vor allem den Titel witzig. Wir wussten, dass unsere Eltern zufrieden waren, wenn sie eine grüne Welle im Straßenverkehr hatten und natürlich kannten wir die Geschichte von Mose und dem Schilfmeer. - „Let my people go!“ haben wir schließlich auch gesungen. 
» 10 mal müssen Mose und Aaron zum Pharao und die Nachricht Gottes überbringen: „Lass mein Volk doch ziehn!“ 9 mal bleibt der Pharao hart. Weder Heuschrecken- oder Froschplage noch Seuchen ändern etwas. Die Israeliten müssen weiter über ihre Kräfte arbeiten. Erst als der Sohn des Pharaos stirbt, schickt er sie weg: „Geht! Dient Eurem Gott und bittet auch um Segen für mich.“
Hastig brechen die Israeliten auf – wer weiß, sonst überlegt er es sich noch anders ... Wäre da nicht die Wolkensäule, die sie am Tag leiten würde und die Feuersäule, die ihnen in der Nacht den Weg durch die Wüste weist, sie wüssten nicht, wohin. Wäre da nicht Gott, der sie irgendwie durch dieses Schilfmeer kommen lässt, sie wären hilflos ertrunken. « (2. Mose 7-15)
Wenn das Rote Meer grüne Welle hat.
Heute finde ich das Wortspiel noch immer witzig, aber auch schräg. 
In den 1970er Jahren, als das Lied entstand, waren die meisten froh, dass so manche überkommene Grenze gefallen war. Es gab endlich weniger „du musst“, weniger „das macht man aber so“ – eben endlich mehr Freiheit. Nur schon damals wollten viele mehr – nicht nur frei sein von alten Fesseln, sondern wirklich unbegrenzt leben. Als in der Ölkrise 1973/4 probeweise für ein paar Monate Tempo 100 auf Autobahnen eingeführt wurde, startete der ADAC die Kampagne „Freie Fahrt für freie Bürger“ und erreichte damit, dass wir bis heute kein Tempolimit haben, obwohl es viele gute Argumente dafür gibt.
Wenn das Rote Meer grüne Welle hat.
Dafür, dass sein Volk aus der Sklaverei frei kommt, setzt sich Gott mit großer Hartnäckigkeit ein. Doch auch in Freiheit geraten die Israeliten bald an Grenzen. Das Meer vor ihnen, die Ägypter hinter ihnen; die Weite der Wüste, in der man schnell die Orientierung verliert; die zunehmende Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens, als der Hunger plagt und die Wanderung kein Ende nehmen will …
Wir Menschen sind einfach begrenzt. Unser Leben ist begrenzt. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Sicher ist es sinnvoll, die Grenzen meiner eigenen Möglichkeiten immer wieder zu erweitern. Ich kann dazulernen, mich bei etwas überwinden, …
Für ein gutes Miteinander ist es aber auch sinnvoll, Grenzen anzuerkennen – Grenzen anderer und Grenzen, die unser Miteinander regeln. Wohin uns grenzenloses Machtstreben führt, erleben wir derzeit auch auf europäischem Boden. Wohin uns grenzenloses Streben nach mehr Geld und Einfluss führt, schon lange. Natürlich sind nur Einzelne völlig maßlos. Und doch handeln sie in einer Gesellschaft, in der Grenzenlosigkeit ein Ideal ist.
Es liegt also auch an uns, ob wir in der Feuer- und Wolkensäule nur ein Zeichen der Freiheit und der Hoffnung auf ein besseres Leben sehen. Oder ob wir wissen: Sie sind auch Zeichen dafür, dass wir in unserem Leben Orientierung und Halt brauchen, Zeichen dafür, dass es sinnvoll ist, Grenzen anzuerkennen. 
Nur wer die eigenen Grenzen und die anderer anerkennt, kann wirklich frei entscheiden.
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2022/3