„33 Minuten“ zeigt das Navi als Fahrtzeit an und sucht mir auch gleich die kürzeste Route aus. Das ist eine richtig praktische Funktion – meistens jedenfalls. Als Radfahrerin weiß ich, dass es immer gut ist, die vorgeschlagene Route dennoch genauer anzuschauen: Wie viele Steigungen liegen auf dem Weg? Wie ist die Wegbeschaffenheit? Führt die Route direkt an einer vielbefahrenen Straße entlang?
Der kürzeste Weg ist oft praktisch, aber nicht immer zielführend. Und manchmal braucht es ja auch Umwege, um den Ausweg zu finden und ein anderes Mal ist sogar der Weg das Ziel.
In einem Labyrinth ist das ganz sinnlich erfahrbar. Auf verschlungenen Pfaden mit mehreren Kehrtwenden kommt man der Mitte zwar immer näher, aber es dauert auch seine Zeit und am Ende muss man umkehren, um den Ausweg zu finden. Im klassischen Labyrinth gibt es – anders als in einem Irrgarten - nur einen Weg. Trotz aller Umwege führt er zielsicher in die Mitte und dann auch wieder heraus. Im Mittelalter wurden oft Kirchenböden mit solchen Labyrinthen ausgestaltet - so zum Beispiel in der Kathedrale von Chartres. Schaut man von oben auf dieses Labyrinth, erinnert es an die Form eines Kreuzes und so auch an den Weg Jesu mit all seinen Kurven und Wendungen. In der Mitte liegt der Umkehrpunkt - so, wie Tod und Auferstehung im Zentrum unseres Glaubens stehen. Das Labyrinth lädt ein, sich auf den Weg zu machen, über den eigenen Weg nachzudenken und sich dabei an Jesus zu orientieren.
Sich auf den Weg machen, das mussten die Jünger damals und das müssen auch wir heute. Für die Jünger damals war nach dem Tod Jesu erst einmal alles aus. Sie wollten einfach nur weg und sind geflohen. Es brauchte seine Zeit, bis sie den Ausweg Gottes erkannten, bis sie den Kreuzestod Jesu im Licht der Auferstehung sehen konnten und wussten: Da müssen wir jetzt durch. Es dauerte, bis sie sich wieder auf den Weg machten. Das Ziel war ihnen klar: Wie Jesus wollten sie die Botschaft von Gottes Gnade und Liebe weiter tragen, kundtun, dass Gott das Leben im Blick hat. Sie haben sich aufgemacht, um Menschen zu gewinnen, die mitmachen. Doch es war kein gerader Weg. Da waren Fragen und Zweifel, die sie begleitet haben. Es ging nur suchend weiter.
Suchend weitergehen – vielleicht ist das auch für uns heute ein guter Ausweg in unserer oft so zielgerichteten Gesellschaft. Suchend in all der Hilflosigkeit, die uns im Blick auf die Kriege um uns herum erfasst. Suchend im Umgang mit den erschütternden Ergebnissen der Studie zum Missbrauch in der Evangelischen Kirche. Suchend mit all den Veränderungen in Kirche und Gesellschaft, die bei aller Zielstrebigkeit das gute Miteinander oft aus dem Blick verlieren.
Suchend und doch beharrlich dem Weg Gottes folgen – vielleicht führt das ja eher zum Ziel als der kürzeste Weg. Denn: Gott kennt Auswege, die wir noch lange nicht sehen und hat dabei immer das Leben im Blick. Jesus jedenfalls ermutigt zum Suchen. Seinen Jüngern und vielen anderen, die seine Bergpredigt hören, sagt er zu (Matthäus 7,7): Suchet, so werdet ihr finden!
Severine Plöse in Evangelisch in Ettenheim 2024/2
