Anderer Wind

Meine Großmutter sagte immer: „Jetzt weht wieder ein anderer Wind!“, wenn die Ferien vorüber waren und das neue Schuljahr begann. Wir wussten sofort, was sie meinte: Nichts mehr mit in den Tag hinein leben, langen Tagen im Garten oder auf der Straße.
Nun hieß es wieder morgens schauen, dass man loskommt, alles dabei hat, was man braucht, Hausaufgaben machen, und was auch immer so auf dem Programm stand.
Seit dieser Woche weht dieser andere Wind wieder – wenn auch für manche der Unterschied nicht ganz so groß ist, weil sie einen Teil der Sommerferien in der Betreuung verbracht haben, die die Schule dankenswerterweise anbietet.
Der Wind ist ein anderer, wenn die Schule beginnt - aber auch der, der grundsätzlich durch unsere Familien weht. Familie und ihre Bedeutung verändern sich immer wieder. Natürlich hat das viel mit dem Lebensalter zu tun – je nach Alter hat Familie auch eine andere Bedeutung. Aber Familie ändert sich auch im Laufe der Zeit.
Zur Zeit nehme ich wahr, dass für viele Jugendliche die Familie über allem steht. Für sie scheint es ein wichtiger Halt zu sein. Hier bekommt man Sicherheit und Orientierung. Das ist gut so in einer Welt, in der sich so vieles verändert.
Dann sind da aber auch die anderen, bei denen Eltern keine Kraft haben, einfach nicht die Zeit aufbringen können, alleine alles auffangen müssen, krank sind und dann irgendwann gar nicht mehr wissen, was ihre Kinder so bewegt, wie sie mit ihnen reden sollen, an sie heran kommen.
Auch die Kinder und Jugendlichen, bei denen „Familie“ ganz oben steht, haben es nicht immer leicht. Wenn Eltern in allen Situationen präsent sind, versuchen, ihren Kindern jegliche Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, … - wie sollen denn Kinder da eigenständig werden und ihren eigenen Weg finden!?
Zur Zeit Jesu hatte so etwas wie „Individualität“ noch keine so große Bedeutung. Man galt vor allem etwas im Zusammenhang mit seiner Familie. Jesus hatte es da nicht leicht mit seiner Familie, und sie vermutlich auch nicht mit ihm.
Im Markusevangelium (Mk 3,20-21.31-35) wird erzählt: Die Familie Jesu hörte davon, dass er als Prediger unterwegs ist und immer wieder viele Menschen um sich schart. Mutter und Geschwister hielten ihn für verrückt und wollten ihn da raus holen. Vielleicht, um ihn zu schützen, vielleicht hatten sie Sorge um den eigenen Ruf, fanden nur peinlich, was er tat, fragten sich: „Wie sieht das denn aus“!
Jesus lässt sich nicht rausholen. Er orientiert sich anders und sagt: „Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Es ist gut, wenn Familie Orientierung und Halt gibt. Aber sie darf auch nicht einengen und: es gibt in dieser Welt und in jedem einzelnen auch über die Familie hinaus eine Menge zu entdecken. Da weht dann vielleicht noch ein ganz anderer Wind, aber Gottes Wille für diese unsere Welt gibt Halt und ist eine gute Orientierung. Wo Gottes Geist weht, da ist Freiheit und Leben. Ich finde das reizvoll!

 Pfarrerin Severine Plöse - Veröffentlicht in der Lahrer-Zeitung am 14. September 2019